Sie sind hier: HAA Interessenvertretung > Die Wahl gestalten
Die Wahl gestalten
Vorbereitung, Durchführung, Wahltag und erste Schritte nach der Wahl
Strukturiert in vier Kapitel und anhand von Leitfragen teilen wir in diesem Infoblatt unsere Erfahrungen zur Vorbereitung und Durchführung der Wahl, zum Wahltag selber und zu den ersten Arbeitsschritten in der Interessenvertretung.
1. Vorbereitung – Gut vorbereitet zur Wahl
Leitfrage: Welche personellen und strukturellen Voraussetzungen haben sich bewährt, um den Wahlprozess gut zu planen und umzusetzen?
Eine strukturierte Vorbereitung setzt klare Zuständigkeiten, einen abgestimmten Zeitrahmen und die frühzeitige Einbindung des Teams voraus.
Es hat sich bewährt, bereits in der Planungsphase eine verantwortliche Person zu benennen, die das Konzept erarbeitet, den Gesamtprozess der Wahlplanung begleitet und Ansprechperson für Kandidat*innen ist. Im Projekt der Hamburger Arbeitsassistenz wurde diese Rolle von einer Mitarbeitenden übernommen, die im Bereich Jobcoaching tätig ist. Diese Person hat auch die Aufgabe der Vertrauensperson übernommen. Im weiteren Verlauf des Projektes zeigte es sich, dass es sinnvoll sein kann, die Rolle der Vertrauensperson – insbesondere im Hinblick auf die fachliche Unabhängigkeit – regelmäßig zu reflektieren. Die Interessenvertretung bekommt hier die Möglichkeit, ihre Einschätzung dazu zu äußern. Unterstützend wurde eine koordinierende Mitarbeitende benannt, die organisatorische Abläufe und den fachlichen Austausch begleitet.
Eine ein- bis zweimonatige Vorlaufzeit zur konzeptionellen Entwicklung – inklusive Ressourcenklärung – unterstützte eine strukturierte Umsetzung.
Leitfrage: Welche zeitliche Struktur hat sich bewährt, um Beteiligung zu ermöglichen und Orientierung zu geben?
Der Wahlprozess kann sich über etwa vier Monate erstrecken. Ein möglicher Verlauf: Auftaktveranstaltung, Themeneinstieg in internen Bildungsformaten, Ermutigung zur Beteiligung durch persönliche Gespräche, Informationsveranstaltungen für interessierte Kandidat*innen, Nutzung von Bildungsformaten, um über die Wahl zu informieren, Wahlvorbereitung und Durchführung.
Leitfrage: Welche vorhandenen Strukturen, Formate und Netzwerke können unterstützend genutzt werden?
Bereits bestehende Gruppenformate, wie Bildungstage, Projekttage oder Schulkooperationen bieten gute Gelegenheiten, um über das Thema Interessenvertretung zu informieren und erste Gesprächsanlässe zu schaffen. Diese Formate eignen sich insbesondere zur thematischen Einführung und zur Vorstellung des Wahlverfahrens.
Im Rahmen des Projekts wurden darüber hinaus bereits vorhandene Materialien zur Mitbestimmung genutzt – sowohl hausinterne als auch öffentlich zugängliche Inhalte. Aktuelle gesellschaftliche Anlässe – wie etwa die Bundestagswahl 2025 – wurden als thematische Aufhänger genutzt, um über Mitbestimmung und Beteiligung ins Gespräch zu kommen.
Eine wertvolle Ergänzung war die Einbindung von Peer-Unterstützer*innen aus dem bestehenden Projekt „Expert*innen für Arbeit“. Sie bereicherten Infoveranstaltungen und Themenabende durch persönliche Erfahrungsberichte zur Selbstvertretung und über ihre Wege in neue Aufgaben.
Darüber hinaus wurden Teamkolleg*innen aus Bildungsformaten aktiv eingebunden, um Inhalte mitzutragen, zu wiederholen und im Alltag zu verankern. Die enge Abstimmung im Team half dabei, vorhandene Ressourcen gezielt einzusetzen – personell, methodisch und inhaltlich.
2. Durchführung – Es geht um dich! Teilhabe beginnt mit Information und Begegnung
Leitfrage: Wie kann für das Thema Interessenvertretung geworben werden, sodass Interesse und Beteiligung entstehen?
Zugänge zum Thema Interessenvertretung
Um erste Zugänge zum Thema Interessenvertretung zu schaffen, wurde zu Beginn der Wahlphase ein Infoabend als Auftaktveranstaltung angeboten. Inhaltlich stand die Frage im Mittelpunkt:
„Was sind eigentlich meine Interessen – beruflich und persönlich?“
Das Format war angelehnt an eine Talkrunde und lud zu Austausch und Begegnung ein. Eingeladen waren Teilnehmende mit eigener Erfahrung in Vertretungsarbeit, darunter:
- eine Person, die sich in einem Wohnbeirat engagiert
- ein Peer aus dem Projekt „Expert*innen für Arbeit“ aus dem Bereich Peer Support
- sowie eine weitere Person, mit der über Netzwerkarbeit kooperiert wird und die sich in einer Selbstvertretergruppe im Freizeitbereich engagiert.
Moderiert wurde der Abend von einer erfahrenen Peer-Expertin. Auch die Geschäftsführung nahm an der Veranstaltung teil, um deutlich zu machen, dass Mitgestaltung durch Teilnehmende ausdrücklich gewünscht und unterstützt wird.
Ziel war es, voneinander zu lernen, ins Gespräch zu kommen und erste gemeinsame Interessen zu entdecken.
Unsere Erfahrung
Solche Formate benötigen gezielte Bewerbung. Auch wenn die Teilnehmendenzahl gering sein kann – wie in diesem Fall – zeigt die Erfahrung, dass sie nachhaltige Wirkung entfalten können: Zwei Gäste des Abends ließen sich später als Kandidat*innen aufstellen. Das ist ein klares Signal für die Bedeutung niedrigschwelliger Begegnungsformate.
Der Kanditat*innen-Abend
Ein weiterer zentraler Baustein war der Kandidat*innen-Abend, zu dem Personen eingeladen wurden, die bereits Interesse an einer Kandidatur bekundet hatten.
Hier ging es um:
- Informationen zum Wahlablau,
- Inhalte der geplanten Qualifizierung
- und um Fragen zur Vereinbarkeit von betrieblicher Qualifizierung und zusätzlichem Engagement
Auch an diesem Abend war erneut ein Peer aus der Selbstvertretergruppe im Freizeitbereich eingeladen – diesmal als Speaker. Er berichtete praxisnah, wie er sich in neue Aufgaben eingearbeitet hat und wie es ihm gelungen ist, berufliche Anforderungen mit seinem zusätzlichen Engagement zu verbinden.
An diesem Abend gab es erstmals auch die Möglichkeit, sich als Kandidat*in aufstellen zu lassen.
Ergänzende Gruppenformate …
Ergänzend wurden bestehende Gruppenformate wie Bildungstage, sowie interne Schulungstage genutzt, um Gespräche anzustoßen und persönlich Erfahrungen aufzugreifen.
Viele Teilnehmende konnten dabei an Erlebnisse aus ihrer Schulzeit anknüpfen – etwa als Klassensprecher*in – was als Brücke zur aktuellen Mitgestaltung diente.
Unser Fazit
Beteiligung entsteht nicht allein durch Informationsvermittlung, sondern durch Begegnung, persönliche Ansprache und den Raum, die eigenen Erfahrungen und Wünsche ernst zu nehmen.
Leitfrage: Welche Formate der Wahlteilnahme wurden genutzt und wie wurden Wählende und Kandidaten*innen informiert?
Für die Durchführung der Wahl wurde das digitale Tool „Abstimmen Online“ genutzt. Dieses Programm ermöglicht sowohl eine Briefwahl als auch eine Onlinewahl über QR-Code. Für unser Vorhaben erwies sich dieses Tool als sehr gut einsetzbar, insbesondere durch die Kombination aus digitaler und postalischer Stimmabgabe.
Eine besondere Stärke des Tools ist die Möglichkeit, Kandidat*innenprofile direkt darin anzulegen. Diese umfassen:
- ein Foto
- einen kurzen Slogan
- sowie einen individuellen Text, in dem die Kandidat*innen ihre Motivation und Ideen für das Amt vorstellen können
Die Wählenden erhielten alle nötigen Informationen zum Ablauf über einen Informationsbrief in einfacher Sprache. Dieser wurde nicht per Post versendet, sondern über Messenger-Dienste oder über die Jobcoaches direkt weitergeleitet. Die Wahlunterlagen selbst wurden als Serienbriefe per Post verschickt und enthielten neben den Zugangsdaten eine klare Schritt-für-Schritt Anleitung zur Stimmabgabe – sowohl online als auch per Briefwahl.
Parallel wurde mit Beginn der offiziellen Kandidatur eine gemeinsame Messengergruppe für alle Kandidat*innen eingerichtet. Diese wurde durch die Vertrauensperson begleitet und diente:
- der weiteren Information (z. B. über Versandtermine)
- dem gegenseitigen Kennenlernen sowie
- der Stärkung der Motivation innerhalb der Gruppe
Die Gruppe trug dazu bei, den Wahlprozess für die Beteiligten erlebbar und verbindend zu gestalten.
Auch die Teamkolleg*innen wurden regelmäßig über alle Schritte informiert, sodass die Kolleg*innen in Bildungsformaten oder im Jobcoaching als vermittelnde Ansprechpersonen aktiv eingebunden waren. Sie unterstützten bei Rückfragen, halfen beim Verstehen der Abläufe und stärkten die Teilhabe.
3. Wahltag – endlich da! Ein Ende, ein Anfang, ein Schritt in die neue Aufgabe
Leitfrage: Wie kann der Wahltag barrierearm, transparent und gemeinschaftlich gestaltet werden?
Der Wahltag war festgelegt – mit einer klar benannten Frist für das Ende der Stimmabgabe. Dabei wurde berücksichtigt, dass vor der Ergebnisverkündung auch noch Briefwahlunterlagen mitgezählt werden mussten.
Zu diesem Zweck stand im Büro des Trägers eine Wahlurne bereit, in der die ausgefüllten Unterlagen gesammelt wurden.
Die Bekanntgabe des Wahlergebnisses fand in einem feierlichen Rahmen statt.
Die gewählten Kandidat*innen wurden durch die Geschäftsführung und die Vertrauensperson eingeladen, um die Ergebnisse gemeinsam zu erfahren und in ihre neue Rolle einzusteigen.
Das digitale Wahltool „Abstimmen Online“ ermöglicht eine detaillierte Auswertung:
- Höhe der Wahlbeteiligung
- Anteil von Brief- und Onlinewahl
- Stimmverteilung nach einzelnen Maßnahmen oder Qualifizierungsbereichen
Die Verkündung der Ergebnisse stand ganz im Zeichen der Wertschätzung und des Aufbruchs.
In der Begrüßung fand Raum, den neu gewählten Mitgliedern zu wünschen, dass sie in ihrer neuen Aufgabe die Chance haben, sich weiterzuentwickeln, vorhandene Stärken einzubringen und neue auszuprobieren.
Zugleich wurde deutlich gemacht, dass gemeinsames Lernen und Arbeiten im Team dazu beitragen kann, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsame Ziele zu verfolgen.
An dieser Stelle wurde die Gruppe auch darin bestärkt, dass ihnen ein Raum zur Verfügung gestellt wird, in dem sie sich erproben, ihre Kompetenzen weiterentwickeln und Erfahrungen sammeln können, die sie in betrieblichen Qualifizierungen oder späteren Arbeitsverhältnissen für sich nutzen können.
Im Anschluss fand ein gemeinsamer Ausklang statt – mit Getränken, Snacks und einem Gruppenfoto.
Ein Starter-Kit wurde überreicht – mit praktischen Materialien für den Arbeitsalltag in der Interessenvertretung (z. B. Stifte, Notizbuch, Getränkeflasche).
In einer methodischen Einheit überlegten die Teilnehmenden gemeinsam:
- Was wünsche ich mir für mich selbst in dieser neuen Aufgabe?
- Was wünsche ich mir für uns als Gruppe?
Diese Gedanken wurden auf einem großen, sichtbar gestalteten Gruppenplakat festgehalten. Das entstandene Plakat dient als erste Grundlage für das erste Qualifizierungsmodul, in dem es um Teamarbeit und Teamentwicklung geht.
4. Erste Schritte – Orientierung geben, Strukturen schaffen und gemeinsam starten
Leitfrage: Wie kann die neue Interessenvertretung beim Start gestärkt und in ihrer Rolle begleitet werden?
Unmittelbar nach der Wahl wurden die Wahlergebnisse durch die Vertrauensperson an Teilnehmende und Kolleg*innen weitergeleitet – per E-Mail oder über Messenger-Dienste. So konnten alle zeitnah informiert werden.
Mit der neu gewählten Interessenvertretung wurde zeitnah ein gemeinsamer Bürotermin vereinbart, der etwa zehn Tage nach dem Wahltag stattfand.
Im Mittelpunkt dieses ersten Treffens stand:
- die Vorstellung des festen Treffpunkts (inkl. Büro mit Türschild)
- die Übergabe eines Transponders, um eigenständig Zugang zu den Räumen zu erhalten
- ein erster Austausch über die Reaktionen in den Gruppen nach der Wahl
- sowie organisatorische Informationen zur anstehenden Qualifizierung
Ein weiterer Bestandteil des Treffens war das gegenseitige Kennenlernen mit Mitarbeitenden aus der Verwaltung, die zukünftig für die Gruppe ansprechbar sind.
Die ersten drei Qualifizierungs-Module wurden etwa zwei Wochen nach demBürotermin durchgeführt – bei einem externen Anbieter. Beim ersten Treffen erhielten die Interessenvertreter*innen dazu Informationen zu:
- Inhalten und Zielen der Module
- organisatorischen Abläufen (Anfahrt, Uhrzeit, Dauer)
- sowie Ansprechpartner*innen für Rückfragen
Der Fokus lag darauf, Orientierung zu geben und Vertrauen in die neue Rolle zu stärken, ohne zu überfordern. Das Ziel war ein klarer, strukturierter und unterstützender Einstieg – mit Raum für Fragen, Austausch und ein erstes Gefühl für die neue Aufgabe.
Erfahrungen aus der Praxis – Was sich bewährt hat
- Ein sechsmonatiger Gesamtzeitraum mit viermonatiger aktiver Umsetzungsphase bietet Planungssicherheit
- Frühzeitige Klärung von Zuständigkeiten und Koordination
- Digitale Wahltools mit Profilfunktion bieten niedrigschwellige Beteiligung
- Eine Listenwahl ermöglicht Gleichbehandlung aller Kandidat*innen
- Gezielte Ansprache fördert Beteiligung
- Erwartungsklärung stärkt Teambildung - Gemeinsame Erfolgserlebnisse schaffen Identifikation
Von der Idee bis zur Wahl …
Ein Überblick zur zeitlichen Abfolge der Wahlgestaltung von den ersten Vorbereitungen bis zum Wahltag
Konzeptionieren
Monat 1 – 2
- Konzeption und Ressourcenklärung
- Zuständigkeiten, Koordination, Zeitrahmen
- Konzeptionelle Vorbereitung im Team
Bewerben
Monat 3
- Themeneinstieg & Auftakt
- Infoabend zur Interessenvertretung
- Erste Interessierte ansprechen
Beteiligen
Monat 4
- Sichtbarkeit & Beteiligung
- Projekttage, Bildungstage, Berufsschulangebote
- Kandidat*innen-Abend zur Information und Motivation
Vorbereiten
Monat 5
- Wahlvorbereitung
- Kandidat*innenprofile erstellen
- Wahltool vorbereiten, Serienbriefe versenden
- Vorstellung in Gruppen, Signalgruppe aktivieren
Wählen
Monat 6
- Wahltag & Einstieg